248. Tag des Jahres Offensen, im sonnigen Süden des Sollings Datum: 05.09.2010 - Uhrzeit: 08:40:30
Teil 1 - Die ganze Wahrheit über die Offensener Gänse (Chöse)
Die ursprüngliche Geschichte.
Gänse

Von dem Dorfe Offensen, das südlich vom eigentlichen Solling liegt, ist hartnäckig behauptet worden, dass dort der Hafer früher mit dem Preinen (Pfriemen oder Ahle, wie sie der Schuster gebraucht) ausgerodet worden sei. So klein, dünn und weit hätte der Hafer gestanden.

Offensen sei also im höchsten Grade kulturrückständig gewesen.

Da hat sich nun ein Bauernknecht aus Iber bei Einbeck, wo man in der Kultur schon weiter vorgeschritten war, nach Offensen verheiratet und weit besseren Hafer geerntet, als die Offenser.

Mit dem Sied,
Gänseumzug

einer Sense, mit kurzem Baum, hat er ihn abgemäht, während die Offenser noch immer mit dem Schusterpfriem rodeten.

Einmal nun, als er Mittag macht, hat der das Sied auf seinem Acker liegen lassen, und es glänzte so in der Sonne, dass die Offenser, die da vorüberkamen, meinen, es wäre ein Ungetüm, das den Hafer abfrässe.

Das ganze Dorf wurde alamiert, und da die Männer nicht zur Stelle sind, kommen die Frauen mit Knüppeln heraus und schlagen auf das Sied los.

Es springt unter den Schlägen in die Höhe und dem Bauernmeister (heutiger Bürgermeister - Ortsvorsteher) so in den Nacken, dass er daran gestorben ist.

Eine grosse Empörung bemächtigt sich des Dorfes, und zur Strafe dafür, dass durch die Dummheit der Frauen der Bauernmeister sein Leben verlor, sollen sie bei der Neuwahl sich nackend aufstellen.

Wer seine Frau von hinten erkennt, soll Bauernmeister werden.

Der Schweinehirt ("Swän")
Gänseumzug

hat nun seiner Frau ordentlich eins mit der langen Peitsche übergezogen, so dass sie gut gezeichnet ist.

"De Böuermester wäre eck!" sagte er sich von vornherein, und richtig, er wird's.

Darauf neue Empörung, und man schimpft die Frauen aus:
"Wenn je Fröuens nech säau ale Gäse west wören, härren weui keinen Swän taun Böuermestere kregen."

Klartext: "Wenn ihr Frauen nicht so alte Gänse gewesen wärt, hätten wir keinen Schweinehirten als Bauernmeister gekriegt."

Seitdem heißt man die Frauen von Offensen,
natürlich, wenn sie es möglichst nicht hören,
"de Offensenschen Gäse".

Teil 2 - Die ganze Wahrheit über die Offensener Gänse (Chöse)
Die bekanntere Göttinger Studentengeschichte
Gänseumzug 1938

Eine lustige Studentenverbindung aus Göttingen war einmal nach Offensen gekommen, um festzustellen, was es dort mit den berühmten "Gäsen" auf sich hätte.

Eine große Zeche wurde gemacht, und als es ans Zahlen kam, banden die fidelen Brüder der Wirtin, die allein zu Hause war, ein Tuch vor die Augen und sagten ihr, wen sie griffe, der müsse bezahlen.

Sie ging auch arglos auf den Spaß ein, die Studenten aber verkrümmelten sich und verschwanden, ohne bezahlt zu haben.

Nach langem Suchen glaubte sie endlich einen Studenten erwischt zu haben, der also nun bezahlen sollte.

Aber siehe da, es war ihr Mann, der vom Felde heimkam.

Von den Studenten keine Spur mehr.

Als der Mann den Sachverhalt erfuhr, schüttelte er nur mit dem Kopf und schalt seine Frau:
"Döu dumme Gas."

Nach einigen Tagen schickten die Studenten eine reichliche Summe Geld und schrieben auf den Postabschnitt

"Das ist für die Zeche, das ist für den Spaß, - und dat ist for de Gas!"

Dass die Offenser Bevölkerung Sinn für Humor und Verständnis auch für den Ulk der Studenten besitzt, beweist ein damals im Orte umlaufender Vers:

Studenten, dat sind verdammt keine Engels.
Studenten, dat sind doch driewische Bengels.
Wei meint, dat se cherrn na Offensen choat,
weil man bei össek noch Spoaß verstaht.

Klartext:
Studenten, das sind verdammt keine Engel.
Studenten, das sind doch listige Bengel.
Wir meinen, das sie gerne nach Offensen gehen,
weil man bei uns noch Spaß versteht.

Wissenswertes
rund um die Geschichte
Die Sollinger - Sohnrey

Früher hat unser Ort wohl die meisten Gänse zum Weihnachsmarkt nach Göttingen geliefert. Daher auch der Bekanntheitsgrad in Göttingen.

Wahrscheinlicher Gastwirt:
Albert Finger geb. 19.03.1856 - gest. 1887 - ehemaliger Gastwirt in Offensen- (heute Haus von Erika Otte).
Gastwirtschaft ist ca 1928 - 1930 abgebrannt.

Quelle der Geschichte:
Heinrich Sohnrey: "Die Sollinger" - Seite 367 bis 369.
Erschienen in Berlin 1924

Quelle der Ahnenforschung in Sachen Fingers Gastwirtschaft:
Klaus Kunze - "Ortssippenbuch Offensen" - Seite 82 bis 83.